Bildmeditation Gisela Harupa: Gib mir dieses Wasser

Herzlich willkommen zum

Internationalen Museumstag

 

Meditation zu Gisela Harupas Stoffbild

„Gib mir dieses Wasser“ (Joh.4, 5ff)

 

 

In der Farbintensität und Eindrücklichkeit der Stoffbilder von Gisela Harupa dürfen wir Gottes Freundlichkeit entdecken. Es sind Hoffnungsbilder, Mutmachgeschichten oder Geschichten, die zum Nachdenken und zum Handeln anregen.

Oft erzählen sie Nebenaspekte einer biblischen Geschichte. Ich vergleiche gerne Harupas Bilder mit literarischen Kurzgeschichten: der Betrachter kann unmittelbar in die Szenerie eintauchen, sieht einen Ausschnitt eines Ereignisses und kann für sich die Geschichte – wie bei einem offenen Schluss – weiterdenken.

Exemplarisch steht hierfür das Werk „Gib mir dieses Wasser“, welches Bildmotiv des Weltgebetstages 1984 war.

 

Es greift die Erzählung in Johannes 4, 5-30 auf.

5Da kam er in eine Stadt Samarias, die heißt Sichar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Joseph gab. 6Es war aber daselbst Jakobs Brunnen. Da nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich also auf den Brunnen; und es war um die sechste Stunde. . Da kommt ein Weib aus Samaria, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, daß sie Speise kauften. 9Spricht nun die samaritische Frau zu ihm: Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. 10Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: „Gib mir zu trinken!“, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser. 11Spricht zu ihm das Weib: HERR, hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? 12 Bist du mehr denn unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. 13Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. 
15 Spricht das Weib zu ihm: HERR, gib mir dieses Wasser, auf daß mich nicht dürste und ich nicht herkommen müsse, zu schöpfen! 16 Jesus spricht zu ihr: Gehe hin, rufe deinen Mann und komm her! 17 Das Weib antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. 18 Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann; da hast du recht gesagt.
19 Das Weib spricht zu ihm: HERR, ich sehe, daß du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man anbeten solle. 21 Jesus spricht zu ihr: Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. 22 Ihr wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten, denn das Heil kommt von den Juden.  23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn also anbeten. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. 25 Spricht das Weib zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er’s uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet. 27 Und über dem kamen seine Jünger, und es nahm sie wunder, daß er mit dem Weib redete. Doch sprach niemand: Was fragst du? oder: Was redest du mit ihr? 28 Da ließ das Weib ihren Krug stehen und ging hin in die Stadt und spricht zu den Leuten: 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe, ob er nicht Christus sei! 30 Da gingen sie aus der Stadt und kamen zu ihm.

In der dargestellten Begegnung geschieht der Frau etwas Wunderbares. Eine Begegnung, die eine radikale Veränderung, einen Neuanfang bietet. Für die Frau selbst und für die Leute, denen von der Begegnung erzählt wurde, ebenfalls an den Brunnen laufen und als Multiplikatoren agieren. Über die Jahrtausende hinweg, bis heute für uns im Jahr 2020.

 

Begegnung. Martin Buber schreibt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Etwas, was wir in Zeiten von Corona schmerzlich vermissen? Oder gerade jetzt erleben?

Hierzu ein paar Gedanken:

 

Menschen treffen sich nun kaum oder gar nicht.

Und sehen sich doch wie nie zuvor.

Momente wahrhaftiger, kostbarer Begegnungen.

Zeitlos, der Realität Widerstand leistend,

Wirklichkeit und Ewigkeit zugleich.

 

Begegnungen als Ereignisse,

die den heiligen Geist spüren lassen.

Mit Worten, mit Stimme,

mit Blicken berühren, stützen, tragen.

Gesegnet und ein Segen sein.

 

Ein gemeinsam erlebtes Scheitern,

ein gemeinsam getragenes Aushalten,

ein gemeinsam empfundener Schmerz,

ein gemeinsam erlebtes Erwachen,

ein gemeinsam erwachendes Erleben.

 

Begegnung als ein immer wiederkehrendes gutes Moment.

Menschen sehen einander.

Sie teilen einander und sind miteinander verbunden.

Sie versprechen einander.

Sie verändern einander.

Zum Guten.

 

Die Evangelien sind reich an Begegnungsgeschichten. Von Menschen untereinander wie beispielsweise Maria und Elisabeth oder Begegnungen Jesu mit Menschen.

Die der Frau am Brunnen ist eine von diesen wunderbaren Erzählungen, die zeigen, wie echte Begegnung Leben schenkt.

Betrachten wir das Bild. Es zeigt eine Szenerie am Jakobsbrunnen bei Sychar, ein Ort, der im Hintergrund zu erkennen ist.

Eine Frau steht an diesem Brunnen. Sie ist gekommen, um Wasser zu holen. Ihren Krug hat sie auf dem Brunnenrand abgestellt.

Hier trifft sie auf Jesus, der auf seinem Weg nach Galiläa durch Samarien wandert. Hier beginnt er ein Gespräch mit der Frau.

Ein tiefer Brunnen, ein Sickerbrunnen, in dem sich Grundwasser sammelt, der nicht von einer Quelle gespeist wird. Der Name Sychar bedeutet so viel wie „nicht fließend, verstopft, von der Quelle abgeschnitten, ausgetrocknet.

Sinnbildlich für das Leben der Frau, die sich aufgrund ihres Lebensmodells außerhalb der Gesellschaft befindet.

Sinnbildlich für das Verhältnis der Samaritaner zu den Juden, das von Zerwürfnis und Feindschaft geprägt ist.

Sinnbildlich für die Menschen auf der rechten Seite des Bildes. Die gebeugt, sich kraftlos zum Brunnen schleppen. Ihre schweren Gefäße kaum halten können oder in Hoffnung hierhergekommen sind, um ihre leeren Krüge zu füllen

.

Sinnbildlich für uns?

Wo fühlen wir uns abgeschnitten? Wo sind unsere Gefäße leer? Oder verstopft – von dem, was uns das Leben abverlangt? Oder gefüllt mit dem, was bitter schmeckt! Mit dem, was wir ersehnen oder beklagen? Mit dem, was unseren Durst nicht löschen kann?

Wohin gehen wir Menschen, um unseren Durst zu stillen, um unsere Gefäße abzusetzen, sie zu leeren und neu zu befüllen?

 

Die Begegnung findet um die sechste Stunde statt, also um 12 Uhr in der größten Mittagshitze. Normalerweise geht um diese Zeit niemand Wasser holen. Noch dazu zu einem Brunnen, der einen Kilometer außerhalb von Sychar liegt, und es dort sicherlich weitere Brunnen gibt.

Normalerweise. Aber nichts im Leben der Frau ist normal.

Die biblische Symbolzahl 6 sagt, dass etwas außerhalb der Ordnung ist, sich in einem ungeordneten oder zerbrochenen Zustand befindet.

Die Frau ist stadtbekannt für einen nicht gesellschaftskonformen Lebenswandel. 5 Männer hat sie bereits gehabt, mit dem jetzigen ist sie nicht verheiratet. (Auch hier die Zahl 6).

An einem Dorfbrunnen, dem gesellschaftlichen Mittelpunkt, wo sich alles trifft, ist sie den Blicken und den Bemerkungen der anderen ausgeliefert. Ein Spießroutenlauf durch Tratsch und Ausgrenzung. So geht sie um die sechste Stunde. In der Stille der Mittagszeit. Die Frau will niemanden treffen, sie sucht Ruhe.

Wann und wo ergeht es uns so? Wo meiden wir Orte? Wo meiden wir Treffen? Wann suchen wir Ruhe und Stille? Finden wir Orte und Menschen, an und mit denen konfliktlösende Begegnungen möglich sind? Suchen wir das Gebet?

Die Frau trifft am Brunnen Jesus.

Jesus sieht man nicht auf dem Bild, aber man spürt, dass hier jemand der Frau gegenüber steht. Ja, sich auf Augenhöhe mit ihr unterhält, von ihr sogar Wasser erbeten hat. Von ihr, einer Angehörigen eines Volkes, mit welchem die Juden keinerlei Gemeinschaft pflegen.

Welche Gedanken gehen der Frau durch den Kopf? „Wie kann es sein, dass ein Mann, ein Jude, mich anspricht. Mich! Die stadtbekannte Sünderin!“ Ihre Körperhaltung und ihre Mimik drücken große Verwunderung aus.Nachdenklich, fragend, irritiert steht sie da.

Und so versteht sie in ihrer Konfusion Jesus erst einmal miss:

Lebendiges Wasser als etwas Alltagstaugliches, Praktisches, das ihr den Gang zum Brunnen erspart. Wasser, das den Durst des Leibes löscht. Einfach zu bekommen.

Aber Jesus meint etwas anderes: den Durst der Seele, den nur das Wasser des Glaubens stillen kann.

Die Frau hat Schwierigkeiten, Jesu Worten zu folgen. Aber sie lässt sich auf das Gespräch ein, hält es aus. Sie bleibt Jesus in offener Haltung zugewandt. Sie bleibt und hört der Lehre Jesu zu. Ihre Hände sind wie Schalen geöffnet. Sie ist bereit zu schöpfen. Das lebendige Wasser. Es ist da.

 

Im Brunnen?

Sie haben sicherlich schon in manch tiefen Brunnen geblickt. Man muss sich über den meist gemauerten Rand beugen und dann sieht man nicht nur das Wasser, sondern auch sich selbst.

Im Hebräischen gibt es für Quelle und Auge nur ein Wort.

Das Wasser des Brunnen wird zum Auge. Jesus sieht die Frau und erkennt sie. Er gibt ihr An-Sehen, das sie bisher nicht erfahren hat. Er bewertet und verurteilt sie nicht. Er begegnet ihr. Er ist der Brunnen, der das lebendige Wasser gibt.

Wie klares Wasser wäscht er all ihre bisherigen Sehnsüchte, die keine Erfüllung brachten, ab. Sein lebendiges Wasser, sein Wort, sein Geist ist es, der sie neu macht. Er ist die Quelle, aus der das Wasser des Lebens sprudelt, an der sie ihren neuen Lebenskrug füllen kann.

Sich im Wasser und in den Augen Jesu spiegeln. Sich in Wahrheit sehen und begegnen.

Das ist kein einfacher Weg. In die einsamen Tiefen und dunkle Abgründe des eigenen Lebens zu blicken, sich ihnen zu stellen. Aber Gott ist da, der mit mir am Brunnenrand steht und mich anschaut. Und mich annimmt – so wie ich bin. Und mich schätzt und als wertvoll erachtet.

Wonach dürstet es mich?

Stelle ich mich mit Gott an den Brunnenrand und lasse es zu, mich zu betrachten? Mit all meinen Farben?

Nehme ich Jesu Angebot an, von seinem Wasser zu trinken? Lass ich meine Seele durch sein Wort erquicken oder leide ich lieber noch länger Durst?

 

Die Frau schöpft aus dem Vollen. Sie füllt ihre Gefäße.

Und geht gestärkt zurück in die Stadt und wagt Begegnung. Es sprudelt aus ihr heraus und sie wird zur Quelle. Sie ist erfüllt. Erquicket.

Interessanterweise gibt es in der deutschen Sprache kein Adjektiv, das keinen Durst (mehr) zu haben bedeutet. So wie satt sein für keinen Hunger (mehr) haben steht.

 

Vielleicht meint es, dass der Durst nach Gott bleiben darf. Dass wir immer wieder bitten dürfen: „Gib mir von diesem Wasser, das Leben schenkt – ewiges Leben.“

Auf dass wir erquicket und gesegnet für andere zum Segen werden.

Und zu Wasserträgern werden.

 

Wie die Menschen auf der linken Seite des Bildes, die mit ihren frisch gefüllten Krügen voller Kraft leicht und frei ins Leben zu eilen scheinen.

 

Gottes Wirken schafft

Veränderung.

Gottes Wirken schafft

Leben.

 

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Begegnung mit meinem Nächsten, mit mir und mit

Gott.

 

 

 

 

(Text: Vera Braun, Bildquelle: Bibel entdecken – Stoffbilder von Gisela Harupa)